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„Du bist an der Reihe, Doktor!“ – diese Worte sprühten Jugendliche in Syrien an eine Wand. Gemeint war damit eine Drohung gegen den Diktator Baschar al-Assad, der ursprünglich tatsächlich Medizin in England studiert hatte, bevor er Präsident Syriens wurde. Dieser ungewöhnliche Einstieg in das Referat über Syrien zeigt bereits, wie überraschend und vielschichtig die politische Entwicklung des Landes ist.

 

Im Rahmen eines Vortrags der Schüler der 13. Klasse, Maher Al-Kadamani und Simon Weber, erhielten die Mitschülerinnen und Mitschüler des Kurses für Politik und Gesellschaft einen Einblick in die Hintergründe des syrischen Bürgerkriegs sowie in dessen Folgen für die Bevölkerung.

 

Der Hintergrund des späteren Bürgerkriegs liegt unter anderem im sogenannten Arabischen Frühling – einer Reihe von Protestbewegungen in verschiedenen arabischen Ländern ab dem Jahr 2010. Viele Menschen gingen auf die Straße, um gegen Korruption, politische Unterdrückung und schlechte Lebensbedingungen zu demonstrieren. Auch in Syrien wuchs die Unzufriedenheit mit der Regierung.

 

Ein besonders erschütterndes Ereignis spielte dabei eine zentrale Rolle. Mehrere etwa elfjährige Jugendliche, die die oben zitierten Worte an die Wand gesprüht hatten, wurden festgenommen und schwer gefoltert. Als ihre Eltern sie wieder sahen, waren sie aufgrund der Misshandlungen kaum noch zu erkennen. In der syrischen Gesellschaft wird das Leid oder der Tod eines Familienmitglieds oft als Angriff auf die gesamte Familie empfunden – entsprechend groß war die Empörung. Viele Menschen sehen in diesem Vorfall einen Wendepunkt: Die Proteste gegen die Regierung verschärften sich und breiteten sich immer weiter aus. Die Regierung wertete solche Aktionen von Jugendlichen als Provokation, ließ sie verhaften und foltern, einige wurden getötet. Daraufhin gingen immer mehr Menschen auf die Straße, um gegen die Regierung zu protestieren. Statt auf Dialog setzte das Regime jedoch auf Gewalt – Sicherheitskräfte schossen auf Demonstrierende.

 

Im März 2011 begann schließlich der syrische Bürgerkrieg. Syrien entwickelte sich zu einem Schauplatz mehrerer gleichzeitig ablaufender Konflikte. Auf der einen Seite stand das Regime von Baschar al-Assad, unterstützt unter anderem vom Iran und der Hisbollah. Auf der anderen Seite kämpften verschiedene Rebellengruppen gegen die Regierung. Gleichzeitig versuchte auch die Terrororganisation „Islamischer Staat“ (ISIS), Einfluss zu gewinnen. Diese sich überlagernden Konflikte machten den Krieg besonders komplex und verheerend.

 

Über weitere Einzelheiten dieser Entwicklungen berichtete im Anschluss ein besonderer Gast: Mohammad Kharsa, der selbst aus Syrien stammt und seit 2015 in Deutschland lebt. Heute studiert er Wirtschaftspsychologie an der Hochschule Landshut.

 

Aus seiner persönlichen Erfahrung schilderte er, wie das Leben in Syrien bereits vor dem offenen Krieg stark eingeschränkt war. Politische Kritik war gefährlich – wer sich öffentlich gegen die Regierung äußerte, musste mit Verhaftung oder sogar dem Tod rechnen. Als 2011 immer mehr Soldaten und Sicherheitskräfte auf den Straßen standen und auf Zivilisten schossen, war vielen klar, dass die Situation nicht mehr normal war. Dennoch leugneten staatliche Medien lange Zeit, dass überhaupt ein Krieg stattfand.

 

Auch Korruption gehörte zum Alltag. Mohammad berichtete beispielsweise von seiner Entscheidung, Syrien zu verlassen. Um überhaupt einen Pass zu bekommen und in den Libanon ausreisen zu können, musste er dem Beamten, bei dem er den Pass beantragte, Bestechungsgeld zahlen – ohne Geld hätte er das Dokument nicht erhalten.

 

Nach seinem Abitur im Jahr 2013 begann er zunächst ein BWL-Studium in Damaskus. Doch schon der Weg zur Universität war schwierig: Auf der Strecke von seinem Heimatort in die Hauptstadt gab es zahlreiche Straßenkontrollen. Besonders junge Männer wurden häufig festgenommen und zwangsweise zum Militär eingezogen. Obwohl Mohammad wegen seines Studiums zunächst vom Wehrdienst befreit war, blieb die Situation für ihn sehr unsicher.

 

Deshalb entschied er sich schließlich zur Flucht – gemeinsam mit Freunden, nicht mit seiner Familie. Seine Eltern wollten in Syrien bleiben. Deutschland wurde für ihn zum Ziel, weil es eine der wenigen realistischen Möglichkeiten war, überhaupt nach Europa zu gelangen. Viele arabische Länder nahmen damals kaum Geflüchtete auf. Zudem hatte Deutschland für ihn schon seit seiner Kindheit eine besondere Bedeutung: Ein Cousin lebte hier und schickte ihm einmal einen Teddybären – für den achtjährigen Mohammad wurde Deutschland dadurch zu einem Ort, von dem er zu träumen begann. Außerdem hatte das Land einen guten Ruf in Bezug auf Wirtschaft, Bildung und Demokratie.

 

Seit seiner Ankunft hat er sich in Deutschland ein neues Leben aufgebaut. Er hat die Sprache gelernt, studiert und fühlt sich in Landshut inzwischen zuhause. Selbst wenn Syrien morgen vollkommen sicher wäre, sagt er, würde er wahrscheinlich bleiben.

 

Seine Familie lebt allerdings weiterhin in Syrien. Seine Eltern und vier Geschwister hat er seit seiner Flucht vor zehn Jahren nicht mehr gesehen.

 

Viele Menschen aus der syrischen Diaspora verfolgen die Entwicklungen in ihrer Heimat weiterhin aufmerksam. Laut Herrn Kharsa hoffen viele Syrerinnen und Syrer, dass nach dem Sturz der alten Regierung eine bessere Zukunft möglich wird. Sie wünschen sich weniger Korruption, mehr Sicherheit und vor allem eine funktionierende Regierung.

 

Die Zukunft Syriens bleibt jedoch ungewiss. Nach mehr als 15 Jahren Krieg sind große Teile des Landes zerstört. Der Wiederaufbau wird viel Zeit benötigen, und auch der Aufbau demokratischer Strukturen wird eine enorme Herausforderung sein. Trotzdem bleibt die Hoffnung vieler Menschen bestehen, dass sich das Land langfristig stabilisieren kann.

 

Für Herrn Kharsa selbst ist es wichtig, sich auch in Deutschland für Demokratie und gesellschaftlichen Zusammenhalt zu engagieren. Er möchte dazu beitragen, das Bild von Migrantinnen und Migranten zu verbessern. Gerade seit 2015 seien viele Menschen nach Deutschland gekommen – einige hielten sich nicht an Gesetze und hätten damit das Ansehen anderer beschädigt. Deshalb möchte er politisch aktiv werden, als Stimme von Migranten und Ausländern an gesellschaftlichen Diskussionen teilnehmen und sich am gesellschaftlichen Leben beteiligen.

 

Der Vortrag bot einen eindrucksvollen Einblick sowohl in die politische Situation Syriens als auch in eine persönliche Lebensgeschichte. Die Zeit reichte kaum aus, um alle Fragen zu besprechen – viele Zuhörerinnen und Zuhörer hätten sich gerne noch länger mit Mohammad Kharsa unterhalten. Gerade dieser persönliche Austausch machte deutlich, dass hinter den Nachrichten über Krieg und Flucht immer auch individuelle Schicksale stehen.

 

Autorin: Julia Döring

 

 

 

 

veröffentlicht am 13.04.2026, F. Engleder, VAe

 

 

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